Konfrontation

  • "KONFRONTATION"


    Sternzeit 95632.4


    „Noch eine Minute“, vermeldete Lieutenant Soran von der Wissenschaftlichen Station, noch bevor Crajis ein weiteres mal nach der Zeit fragen konnte. Der gealterte Bajoraner grub die Hände in die Lehnen seines Sessels und starrte gebannt auf den Hauptschirm, welcher auf die schwarze Leere des Alls ausgerichtet war.


    Das Leuchten der Sterne schien ihm in diesen Tagen blass und kraftlos zu sein. Womöglich eine Warnung der Propheten vor dem Schrecken, der dort draußen lauerte. Doch Crajis war in seinem Glauben rational genug um zu wissen, dass sein Unterbewusstsein ihm lediglich einen Streich spielte. Wahrscheinlich ein Abbild seiner Kriegsmüdigkeit


    Captain Crajis hatte in seiner langen Dienstzeit einige Schlachten erlebt, doch die Hur’q waren anderes als alle Gegner, denen sich die Machariel bisher in den Weg gestellt hatte. Wild und unberechenbar warfen sie sich ohne Rücksicht auf Verluste ins Kampfgetümmel, griffen das erstbeste Ziel an, dass sie ausmachen konnten, nur um dann die Strategie zu ändern, die Beute in die Zange zu nehmen und sie in einem Schwarm aus Schiffen zu ertränken – als hätte man einem Rudel terranischer Wölfe mit der Militärtechnologie des 25. Jahrhunderts ausgestattet.


    Ein weiteres Mal fiel sein Blick auf den kleinen Bildschirm, der in seine Armlehne eingelassen war und über den unablässig kurze Statusmeldungen huschten. Schiffe, die in Stellung gingen, kommandierende Offiziere, die ihre Bereitschaft vermeldeten, Nachschub anforderten, Jäger auf Abfangkurs – kompakt formatierte Informationsschreiben die zusammenfassten, wie über 100 Millionen Tonnen Kriegsmaterial in Position gebracht wurden.


    Wolf 359 sollte einmal mehr der Ort der Entscheidung über das Schicksal der Föderation sein. Das Schlachtfeld war durchzogen von Trümmerresten – manche bereits über fünfzig Jahre alt, andere nur wenige Tage. Zerschossene Wracks von Hur’q-Strukturen und Sternenflottenschiffen, die sich ihnen tapfer wie vergeblich in den Weg gestellt hatten, drifteten durch das System. Es blieb nicht viel Zeit, die Überlebenden zu bergen, denn der nächste, entscheidende Angriff stand kurz bevor.


    Admiral Quinn hatte entschieden, die Flotte nicht weiter zurück zu ziehen. Das Trümmerfeld bei Wolf 359 war dicht, aber bot einen entscheidenden Vorteil: Die schnellen Schiffe der Hur’q würden sich aufgrund der zahllosen Hindernisse nur langsam sammeln und in Stellung bringen können. Allerdings behinderte das dichte Trümmerfeld auch die großen Sternenflottenkreuzer bei der Navigation. Das Kommando setze darauf, dass die Hur’q direkt in ihre gut vorbereitete Feuerzone marschieren würden. Doch sollte dieser Plan nicht aufgehen, wäre die Schlacht bereits verloren.


    Crajis missfiel der Gedanke, das Schicksal der Erde auf eine Karte zu setzen, musste aber einräumen, dass er selbst keine bessere Strategie vorzuweisen hatte. Die Task Force hatte bereits die erfolgreiche Abwehr des ersten Angriffs mit einem hohen Preis bezahlt. Von den 23 Schiffen, welche die 27. Flotte in den Sierra-Sektor entsandt hatte, waren nur noch 12 übrig, und fast alle hatten Schäden erlitten – wie auch die Machariel. Die aus schnellen und gut bewaffneten Kampfschiffen bestehende 8. Flotte wurde beinahe vollständig aufgerieben. Nur drei Fregatten konnten sich aus dem Schlachtgetümmel zurückziehen.
    Dieser spärliche Rest sah sich nun mit dem größten Hur’q-Schwarm des Alpha-Quadranten konfrontiert, welcher in Kürze mit voller Wucht in das System einfallen würde. Die einzig reelle Chance, diese Schlacht zu gewinnen, war, die Reihen des Feindes aus sicherer Entfernung stark genug zu dezimieren, um den Zahlenvorteil nichtig zu machen. Doch sollte dieser Versuch fehlschlagen und genügend Schwärmer durch die Feuerlinie brechen, würden sie die großen Kreuzer im Nahbereich auseinandernehmen, bevor diese sich in Sicherheit bringen konnten. Die Sternenflotte ging ein großes Wagnis ein. Sie oder die Hur’q - Dazwischen würde es nichts geben. Fällt die Task Force, fällt die Machariel, so fällt auch die Erde. Crajis wusste, welches Gewicht heute auf den Schultern seiner Mannschaft lastete.


    „30 Sekunden.“


    Die Machariel befand sich bereits seit einer halben Stunde in Gefechtsbereitschaft und Crajis hatte das Alarmsignal stummschalten lassen. Auf der Brücke herrschte Totenstille, lediglich unterbrochen von Hinweistönen, Warnsignalen und anderen akustischen Meldungen der Konsolen, welche Crajis im Alltag kaum noch wahrgenommen hatte, nun aber seinen einzigen Anhaltspunkt darstellten, um sicher zu sein, dass die Zeit nicht stehengeblieben ist.
    Das Schiff und die Besatzung waren instruiert und vorbereitet. Niemand vermeldete etwas, erfragte Anweisungen oder sprach nur einen Ton, während sie dem Countdown des Andorianers an der Wissenschaftsstation lauschten und darauf warteten, dass der Sturm los brach. Crajis fühlte die Anspannung, die sich in jedem einzelnen seiner 753 Crewmitglieder manifestiert hatte und sich wie eine Schockstarre durch das ganze Schiff über seinen Sessel bis in seinen eigenen Körper zog.


    „Noch 10… 9…“


    Noch einmal festigte der Bajoraner den Griff um seine Armlehnen, als würde sein Unterbewusstsein fürchten, jeden Moment in einen tiefen Abgrund gesogen zu werden. Für einen kurzen Moment durchfuhr ihn der Zweifel, der Wunsch, den Befehl zum Rückzug zu geben, sein Schiff, seine Mannschaft und sein Leben zu retten und das unvermeidliche Schicksal der Föderation einfach zu akzeptieren. Doch die Disziplin übernahm schnell wieder die Oberhand, gestärkt durch seine Ausbildung und vielen Jahren des Dienstes an der letzten Grenze. Dies war nicht die erste Schlacht, durch welche Crajis die Machariel führen musste. Und er würde lügen, würde er behaupten, nicht vor jeder einzelnen Todesangst empfunden zu haben.


    „6… 5… 4…“


    Der alte Bajoraner konnte förmlich spüren, wie seine Brückencrew gemeinsam tief Luft holte, und dann in Erwartung der Wellenfront den Atem anhielt.


    „3… 2… 1… Kontakt!“


    Was nur durch pausenlose Warnsignale der taktischen Sensoren auf die Brücke der Machariel getragen wurde, manifestierte sich in Form von über hundert Hur’q-Schiffen, die am Rande des Trümmerfeldes aus dem Subraum fielen und sofort begannen, unzählige weitere Kontakte auszuspeien, welche sich wie ein gefräßiger Insektenschwarm über das Feld ergoss.
    Nach einem Moment der Trägheit, indem die gewaltigen wie bizarren Kriegsschiffe ihre Situation analysierten und Ziele auswählten, setzte sich die gewaltige Masse langsam in Bewegung – direkt auf die zusammengezogenen Kräfte der Sternenflotte zu.


    Das Führungsschiff, Ein gigantischer Vedcrid-Dreadnought, brach unbeeindruckt durch die Überreste einer alten Excelsior-Klasse – Zeitzeuge einer weiteren Entscheidungsschlacht der Föderation, fünfzig Jahre bevor die Hur’q aus ihrem Schlaf erwachten. Man hatte das Gerippe der U.S.S. Melbourne einst als Mahnmal der ersten Schlacht bei Wolf 359 zurückgelassen – ein Massaker, das über elftausend Leben forderte. Lange verloren und vergessen, hätte bis vor wenigen Tagen niemand in der Föderation geglaubt, dass dieses Geisterschiff seinen letzten Schlag für die Sternenflotte noch nicht ausgeführt hatte.


    Crajis wandte seinen Blick ab, als das Schlachtfeld für einen kurzen Moment von einem gleißenden weißen Licht erfüllt wurde und der Dreadnought mitsamt seiner Begleitschiffe darin verschlungen wurde. Um der zahlenmäßigen Überlegenheit der Hur’q zu begegnen, hatte das Kommando das Ingenieurscorps der Sternenflotte angewiesen, die Antimaterielager des Jupiters auszuräumen und das Schlachtfeld mit gewaltigen Minen zu spicken, die im Trümmerfeld verborgen wurden. Eine radikale, wie verzweifelte Maßnahme, welche die Logistik der Föderation noch über Jahre beeinträchtigen würde – doch könnte sie der entscheidende Faktor sein, der dazu beitrug, dass man sich über solche Probleme zukünftig noch Gedanken machen konnte.


    Zwei weitere Detonationen folgten, welche tiefe Schneisen in die Angriffsformation der Hur’q schlugen und den gesammelten Schwarm in fünf einzelne Cluster versprengten.


    Ein schrilles Piepen durchbrach die Stille auf der Brücke und Lieutenant Marlow, taktischer Offizier der Machariel, meldete sich zu Wort.
    „Ziel erfasst und in Reichweite!“
    „Feuer“, rief Crajis, noch bevor der Mensch den Satz ganz beendet hatte. Sofort ging ein wiederholtes, dumpfes Wummern durch das Schiff, als die Machariel eine Salve Photonentorpedos abfeuerte. Über den Bildschirm beobachtete Crajis, wie sich sein Schiff anschließend in Breitseite ausrichtete und ein greller Lichtstrahl den rasenden Projektilen in die schwarze Leere folgte. Weitere Phaserstahlen gesellten sich hinzu, als die anderen beiden Kreuzer aus ihrer Gruppe in das Verbundfeuer einstiegen. Die U.S.S. Homer, Ebina und Machariel gehörten zu den größten Kreuzern, welche der Verband noch zu verzeichnen hatte und wurden direkt in der Passage der Hur’q positioniert, wo sie den Großteil des Waffenfeuers abfangen sollten. Der Rest der Task Force wurde auf vier weitere Gruppen aufgeteilt, welche den Schwarm an ausgewählten Knotenpunkten flankieren würden.


    Die feindliche Flotte war noch zu weit entfernt, als dass Crajis mehr als entfernte Explosionen auf dem Hauptschirm beobachten konnte, doch bemerkte er wie diese langsam aber stetig näher kamen. Insgeheim hatte Crajis gehofft, dass die Hur’q in die im Gamma-Quadranten beobachteten Verhaltensmuster zurückfielen und umkehrten, würden sie ihnen nur genug Gegenwehr entgegenbringen. Doch der Schwarm machte keine Anstalten, sich durch den zerstörerischen Erstschlag bremsen zu lassen.


    „Erste Schwärmergruppe hat den Checkpoint passiert, Captain“, kam die Meldung von Lieutenant Commander T’Pix, welche über die OPS der Machariel den Kontakt mit dem Rest der Flotte aufrecht erhielt. Die Vulkanierin wusste bereits, welche Maßnahmen sie einzuleiten hatte, erwartete aber die letzte Bestätigung ihres kommandierenden Offiziers. Crajis nickte ihr entschlossen zu, worauf hin sie sich an die Arbeit machte.


    Es dauerte nur wenige Sekunden, als die Schwärze des Alls von neuen Explosionen erhellt wurde – diesmal deutlich näher an der Position der Machariel. Die Reste der 8. Flotte, bestehend aus kleinen, schlagkräftigen Zerstörern und einem Kampfschiff der Prometheus-Klasse, hatten sich mit minimierten Energiesignaturen im Trümmerfeld auf die Lauer gelegt und auf das Signal zum Angriff gewartet. Sie sollten die Schwärmer und kleine Begleitschiffe, die sich von der Hauptgruppe des Schwarms entfernten, abfangen und dezimieren, bevor sie den Kreuzern gefährlich werden konnten. Ein guter Plan, der lediglich durch die zahlenmäßige Unterlegenheit der Sternenflotte nicht vollends aufging. Crajis konnte nun erste Konturen und Lichter erkennen, die sich durch die Schwärze der Machariel annäherten.


    „Lieutenant, sagen Sie mir, was da auf uns zu kommt“, wandte sich Crajis an seinen taktischen Offizier.
    „Empfange unregelmäßige Signale von mindestens dreißig Schwärmern sowie vier Begleitschiffen.“
    „Vridyat-Klassifikation“, ergänzte Lieutenant Soran von der Wissenschaftsstation. „Ich erkenne bereits die Signaturen ihrer Störkörper.“
    Crajis rieb unwillkürlich die Zähne aneinander. Die zahlreichen Flugkörper, welche die Korvetten abwarfen, die sich häufig im Kielwasser der Schwärmerwelle bewegten, überfluteten die Sensoren ihrer Gegner mit falschen Signalen und gaukelten ihnen Ziele vor, wo keine waren. Sie behinderten damit nicht nur die Zielerfassung, sondern machten es auch unmöglich, die exakte Zahl der Feinde zuverlässig zu bestimmen. Crajis wusste, dass Soran diese Signaturen isolieren könnte, aber dafür würde er Zeit brauchen. Zeit, die sie nicht hatten.
    „Sir, wir könnten den Schwarm mit konzentrierter Teilchenstrahlung beschießen“, präsentierte der Andorianer jedoch sogleich einen Lösungsansatz. Crajis verstand sofort, was er vorhatte und nickte zustimmend.
    „Syska, richten Sie uns auf den Schwarm aus“, wies er die junge Frau an der Conn an, ehe er sich wieder zu Soran wandte. „Fangen sie an, sobald sie bereit sind.“


    Die Machariel hatte erst vor wenigen Monaten einen brandneuen Hauptdeflektor erhalten, wodurch das Schiff der Vesta-Klasse, welches einst als Testplattform für zahlreiche experimentelle Technologien fungierte, ein gewaltiges Leistungsupgrade spendiert bekam. In den vergangenen Gefechten hatte die Crew ein ausgeprägtes Improvisationstalent entwickelt und schreckte nicht davor zurück, die eigentlich als wissenschaftliche Anlagen fungierenden Systeme für den Kampfeinsatz zu missbrauchen.
    Lieutenant Soran ch‘Tarr war als Andorianer ein seltener Anblick auf der Wissenschaftsstation, ließ jedoch kaum eine Gelegenheit ungenutzt um zu demonstrieren, dass er aus einer Dynastie erfahrener, wie gewiefter Soldaten hervor ging. Seine Arbeit - für das Auge oft unsichtbar – zeigte stets verheerende Resultate. Über den Hauptdeflektor der Machariel emittierte er in kurzen Intervallen eine intensivierte Ladung Neutronenstrahlung in den Anflugvektor der Schwärmergruppe. Die Teilchen durchdrangen die Störkörper ohne Effekt, ionisierten allerdings die Schildpartikel der Hur’q-Schiffe, wodurch diese auf den Sensoren der Machariel aufleuchteten, wie ein brennender Weihnachtsbaum.


    „Zielerfassung ist klar“, bestätigte Marlow den Erfolg der Aktion, woraufhin sich sofort T’Pix mit einmischte.
    „Vermelde Freigabe, in den Nahkampf zu wechseln, Sir“, gab sie die Anweisung des Feldkommandos von der U.S.S. New Dehli weiter - Jenes Signal das Crajis bestätigte, dass das Artilleriefeuer beendet war und die Flotte den Schwarm nun direkt angriff.


    „Syska, setzen Sie uns in Bewegung. Lieutenant, zielen sie zuerst auf die Begleitschiffe!“


    Die Homer, Ebina und Machariel nahmen träge Fahrt auf und lösten sich aus ihrer Formation, während der erste Ansturm der Hur’g auf die Kreuzergruppe traf, mit dem Rest der 8. Flotte dicht auf ihren Fersen. Der Bildschrim der Machariel wurde mit Lichtblitzen bombadiert, als die Schwärmer ihre kleinen, aber zahlreichen Waffen auf das Verteidigungsgitter der Machariel entluden. Die Trägheitsdämpfer kompensierten die Erschütterungen der wenigen Einschläge, die die Hülle erreichten, zuverlässig. Dennoch konnte Crajis in seinem Sessel spüren, wie die Vibrationen bis in seinen Nacken vordrangen. In diesen Situationen kam es ihm immer so vor, als würde sein altes Mädchen Gänsehaut bekommen, was bei ihm unwillkürlich denselben Effekt hervor rief. Ein unverkennbares Signal was ihm einmal mehr vor Augen rief, dass dieser Kampf grade erst begonnen hatte.


    „T’Pix, sind die Jäger startbereit?“


    Fortsetzung folgt…